Freitag, 26. April 2019

St. Petersburg - Санкт-Петербу́рг 🇷🇺

Привет!

Die German Invasion (Lotti, Lea und Martina) und ich haben das letzte Wochenende in St. Petersburg verbracht. Normalerweise braucht man für die Einreise nach Russland ein Visum (für das man wieder eine Einladung aus Russland braucht etc.), aber es gibt die Möglichkeit 72 Stunden Visum-frei in Russland zu verbringen, wenn man mit der Fähre ankommt. An sich ist das ja eine ganz gute Gelegenheit mal für ein bisschen Sightseeing in St. Petersburg vorbeizuschauen (woanders in Russland hinzureisen ist echt nicht zu empfehlen, weil ich denke man wird sehr schnell gefunden und sehr streng bestraft, sollte man nicht nach 72 ausgereist sein). Also habe ich mich der German Invasion (der Name kommt übrigens von Dora und sie sind schon berühmt berüchtigt in Tallinn) angeschlossen und einen Trip mit der Organisation Timetravels nach St. Petersburg gebucht. Alles in allem kann ich den Trip nur jedem empfehlen! St. Petersburg ist eine wahnsinnig schöne Stadt und auf jeden Fall eine Reise wert! Auch die Organisation der Reise war sehr gut und ich habe mich rundum abgesichert und unterstützt gefühlt!

Hier der Überlebensguide in Russland der uns von Timetravels gegeben wurde:

Wir haben uns etwa an 5 von den 10 Simple Rules gehalten. Wir haben mit unserem Tourguide öfters noch bei 2 Sekunden Zeit eine 6-spurige Straße überquert (unser Local Tour Guide Lena hat durch unsere Receivers "Run or you'll be squashed" geschrien), Lotti hat Leitungswasser getrunken, ich habe leider kein wallet und daher musste ich die Rubel und Euro zusammen einstecken, ich habe meinen Rucksack im cloak room abgegeben und ein Foto von der Grenze ist noch in den Untiefen meines iCloud Papierkorbs. Hat ja gut funktioniert!

1. Tag - Freitag

Wir mussten zuerst 2 Stunden nach Helsinki fahren, um von dort in die Princess Anastasia Fähre nach St. Petersburg zu steigen. Treffpunkt war um 11 Uhr im Terminal in Tallinn und ein paar unsere Leute waren sogar überpünktlich um 11:35 anwesend. Hipphipp-hurra, wir haben es alle pünktlich auf die Fähre nach Helsinki geschafft! (Es sollte noch weitere spätere Abfahrten geben).
Wir verbrachten die drei Stunden Aufenthalt in Helsinki mit einem wahnsinnig überteuerten Subway-Sandwich und machten uns dann früh auf zur Fähre. Lea und ich wechselten leider unsere Euros nicht in Tallinn in Rubel (wo es noch einen Laden zum Wechseln am Hafen gegeben hätte) und in Helsinki suchten wir alles rund ums Terminal ab, aber wir konnten beim besten Willen keine Wechselstation finden. Ich meine, wer braucht schon was zum Geldwechseln an einem internationalen Hafenterminal? Würde ja sicher nicht genutzt werden. Wir hatten richtiges Glück und bekamen eine Außen-Kabine samt Fenster. Wir sahen auf der Rückfahrt, dass die Innenkabinen zwar kein Fenster hatten, dafür aber Vorhänge vor einer braunen Wand! Aber hey, Hauptsache Vorhänge!
Die Kabine war etwa so groß, wie ich es mir vorgestellt hatte, das Bad sogar etwas geräumiger. Es gab sogar eine Dusche! Danach machten wir uns auf, um das Schiff etwas zu erkunden und ich muss euch sagen, ein Labyrinth ist nichts dagegen. Auf der Hinfahrt schliefen wir auf Deck 4, und allein dieses Deck bestand nur aus identisch aussehenden, lang gezogenen Gängen, mit einer nicht geringen Anzahl an eng gereihten roten Türen. Die Tür gegenüber unserer hatte übrigens einige Dellen und das erste was mir in den Kopf kam, war "Einschusslöcher". Sicherheit geht vor!
Das Layout der Fähre
Lea und ich sind reich!
(Und Lea weigerte sich kurz ihren schönen 50er auszugeben)





















Wir machten uns also auf, um die Fähre erkunden und liefen schon einigen bekannten Erasmus-Studenten über den Weg (es sollte sich später herausstellen, dass um die 400 Studenten die 72 visum-freien Stunden in St. Petersburg nutzten). Wir verbrachten im Endeffekt die ersten Stunden auf der Fähre in einem Café und spielten Kartenspiele. Lea und ich wechselten noch unsere Euros in Rubel und ich bekam schon mal den ersten Herzinfarkt, als ich meine Euros und meinen Ausweis durch das (kugelsichere?) Fenster schob, die Frau dahinter einen Anruf bekam und plötzlich nach etwas silbernem Griff. Einige Sekunden lang dachte ich wirklich, jetzt sei meine Stunde gekommen und sie würde mich für was auch immer abführen. Auf der Fähre schon! Aber keine Sorge, sie musste nur schnell zur Rezeption, das Silberne war ein Schlüssel und Lea und ich bekamen unsere paar tausend Rubel.
Am Abend ging anscheinend richtig die Party ab, wir versuchten jedoch früher schlafen zu gehen (vor allem weil Karfreitag war und wir keinen Alkohol trinken wollten). Anderen Studenten ging es nicht so, und während ich wirklich gut schlief, wurde zumindest Martina von Musik und feiernden Leuten wach gehalten.

2. Tag - Samstag

Frisch und fröhlich (zumindest ich) machten wir uns auf zum gestrigen Café und genossen ein teures Frühstück. Wir waren anscheinend vor den Massen (dieses Wort sollte später noch eine ganz andere Bedeutung bekommen) angekommen, weil es schon eine lange Schlange gab, als wir uns zu unserem Schrank-unter-den-Stiegen aufmachten. Wir packten unsere Koffer und rollten gemütlich zu der Tür, durch die wir unseren schmalen Gang betraten. Diese war leider geschlossen, so wie alle anderen Türen auf Deck 4. Daraufhin schulterten wir die Koffer und überquerten Stiegen und Decks bis wir auf der anderen Seite von Deck 6 die Stiegen wieder hinuntergingen und eine beträchtliche Menge Menschen auffanden, die schon wartete. Da es nicht mehr viel Platz gab, wo wir uns dazudrängen konnten, blieben wir auf den Stiegen stehen und warteten. Alle paar Minuten drängten sich Leute vorbei, die entweder noch zum Zimmer gingen, grad erst zum Frühstück wollten oder meinten, sich doch nach vorne drängen zu mussten. Die Aggression gegen Menschen nahm genau zu dem Zeitpunkt ihren Anfang. Ich stand zum Glück noch auf der ersten Stiege und konnte die Frischluft über den Köpfen schnuppern, während die German Invasion schon eingesperrt war und ungeduschte Körper riechen musste. Nach etwas mehr als einer halben Stunde gab es die erste Durchsage und nach weiteren 15 Minuten ging es endlich los. Lea und ich wurden von Martina und Lotti getrennt und wir schoben uns in der Masse vom Schiff. Wir waren ziemlich weit vorne und in der Ankunftshalle hatte sich schon eine Schlange gebildet, die sich bei den Schaltern für die Immigration anstellte. Was nicht zu sehen war: Absperrungen. Es gab keine einzige von diesen Absperrungen, wie es sie auf Flughäfen immer gibt, um Vordrängeln zu verhindern. In genau diesem Moment begann ein rotes Licht in meinem Kopf zu blinken und ich hatte eine schlechte Vorahnung. Die Menschen hinter uns stellten sich noch ans Ende der Schlange, weil die Menschen vorne noch "That's the end of the line" schrien und nach hinten deuteten. Irgendwann war es dann aber vorbei und ganz nach dem Motto law of the jungle stellte sich jeder dort hin, wo das Gras am Grünsten bzw. die Schlange am Kürzesten war. Zwei unserer Freunde war es anscheinend zu blöd, die stolzierten ungehindert die gesamte Länge der Schlange nach vorne. Mir hat es zu dem Zeitpunkt schon gereicht und ich war schon unterschwellig aggressiv. Schlangen gab es gar keine mehr, es war einfach eine Menschenmasse, die sich zu 7 Schaltern drängte.
Ich werde euch alles Weitere ersparen, außer dass Lea und ich zweimal zur Hilfe von Maoam-Krachern greifen mussten, um unser Durchhaltevermögen aus den Untiefen hervorzuholen, in das es gesunken war, und uns halbwegs wieder zu motivieren. Wir lernten eine Mödlingerin, eine Belgierin und eine Deutsche kennen, die irgendwann alle Menschlichkeit aufgaben und sich von einer Seite (wir standen innen in der Kurve) quer auf die andere Seite durchschlugen und anscheinend nach einer Stunde (wie wir später erfuhren) durch waren. Lucky us. Die Mödlingerin wurde übrigens das letzte Mal rausgezogen und wurde in einem weißen Raum ohne Fenster von einem Officer Fragen gefragt. Lea und ich standen etwa immer 10-15 Leute hinter Lotti und Martina und hielten diesen Abstand in der rasenden Geschwindigkeit mit der es vorwärtsging (etwa 5 Minuten pro Person im Schalter). Ich muss leider sagen, dass wir uns zu keiner einzigen Zeit nicht aktiv anstellten. Wir waren permanent achtsam, rückten nach, schoben unsere Koffer vor Vordrängler etc. Währenddessen gab es Leute die ganz hinten in der Halle die Füße hochgelegt hatten und pennten.
Long Story short - von 2200 Leuten auf dieser Fähre war Lea die 2195. Person und ich die 2200. Person, die durch die Immigration ging. Alle Schalter waren schon mit Rollläden geschlossen, als ich endlich reinging (sogar die schlafenden Leute hinter uns waren vor mir drinnen!). Als die Dame am Schalter dann nach meiner Student-Card fragte, ich ihr meine ESN-Karte (handgeschrieben, weil ich keine andere dabei hatte) hinlegte, sie die nächsten Minuten seufzend auf ihren Computer starrte, etwas auf Russisch rief, eine andere Beamtin reinkam, mit ihr auf Russisch diskutierte und mich daraufhin Richtung Fähre wieder aus dem Schalter holte, war es bei mir vorbei und ich war drauf und dran zu heulen und wartete nur darauf in den weißen Raum abgeführt zu werden. Dank des Adrenalins hielt sich die Panik aber in Grenzen. Ich vermutete, dass es etwas mit der Student ID auf sich hatte, also knallte ich noch meinen estnischen Personalausweis auf den Schalter und betete. Plötzlich gaben sie mir meinen Pass samt weißem Wisch zurück und schickten mich raus. Ich wusste gar nicht, was ich zuerst einpacken sollte, aber anscheinend waren mir während der 5 Stunden Warten 2 imaginäre Arme gewachsen, denn ich schaffte es Rucksack, Koffer, Pass, ID, Departure Card, Boarding Pass, Timetravels Schedule für die nächsten Tage, mich selbst und meine Emotionen aus der Kabine zu schleppen. Lea sammelte mich auf und hinter der Sicherheitskontrolle warteten Lotti und Martina mit unserem Local Guide Lidia, die unsere Namen abhakte und ziemlich entgeistert war, wie wir es geschafft hatten, die Allerletzten zu sein. Lotti und Martina wurden anscheinend einige Male gefragt, ob wir wirklich, wirklich, wirklich existierten und hier waren. Fun Fact: Alle mussten auf ihrem Immigration Zettel unterschreiben, mir wurde das aber vergessen zu sagen, also hatte ich einen Zettel ohne Unterschrift. In meinem Zustand hatte ich natürlich gleich die Angst, dass sie mich nicht mehr ausreisen lassen würden.
Ich habe übrigens kurz ein Foto von der Ankunftshalle gemacht, bis Lea mir das Schild mit der durchgestrichenen Kamera zeigte. Das Foto war innerhalb von Sekunden wieder gelöscht.

Wir ließen uns im Bus auf unsere Sitze fallen und waren einfach emotional, psychisch und physisch am Ende. Im Hotel standen wir - oh Wunder - in noch einer Schlange, um einzuchecken. Als Lotti und ich dran waren, gabs wieder - was für eine Überraschung - ein Problem mit unserem Zimmer. Wir bekamen aber nach ein paar Minuten unsere Karten und das Zimmer war vollkommen in Ordnung.

Der Rauch ist schon zu sehen
Dann machten wir uns zum nächstgelegenen Supermarkt auf, um uns ein Mittagessen zu kaufen. Das Hotel, wo wir wohnten, war eher am Stadtrand und umgeben von Sowjet-Bauten. Ich war ziemlich geschockt davon, wie heruntergekommen die Bauten waren, muss ich sagen, und nach der Immigration war das echt kein guter erster Eindruck. Alles war sehr grau, braun, dreckig und entweder baufällig oder ohnehin eingeschlagen. Einzig das Hotel und die Statue vorm Hotel sahen intakt aus. Als wir uns dem Supermarkt näherten, sahen wir Rauch von einem Balkon aufsteigen. Unser erster Gedanke war: Wow, da hat aber jemand eine große Shisha. Nichts da. Als wir um die Kurve gingen, löschte ein Typ ein komplett schwarzes, in Brand stehendes Ding auf seinem Balkon mit einer kleinen grünen Schüssel. 
Und die Feuerwehr ist angekommen
Ich glaube das brennende Etwas war ein Bügelbrett. Unten stand nur ein anderer Typ und schrie irgendwas nach oben. Sicher im Supermarkt angekommen, gestanden wir alle, dass wir komplett fertig waren und einfach nur nach Hause wollten. Was noch dazukam war, dass wir kein Russisch konnten und nicht mal die Schrift lesen konnten. Und die meisten Russen mit denen wir redeten, konnten sich nur mit Händen und Füßen mit uns verständigen.
Der Blick von unserem Hotel
















Nach unserem "Mittagessen" waren wir schon etwas beruhigter und stiegen gemeinsam mit ein paar anderen in den Bus, um das Puschkin-Viertel und den Katharinen Palast zu besuchen. Auch die Fahrt aus der Stadt raus war leider nicht sehr vorteilhaft, und das Einzige was mir auffiel war grau, grau, grau. Dafür war der Katharinenpalast wahnsinnig beeindruckend und das war der Moment, an dem sich unser Aufenthalt und unsere Meinung von St. Petersburg besserten. Ich muss sagen, der Katharinenpalast von außen erinnerte mich ein bisschen an Schönbrunn von der Größe, dem Garten und der Architektur her. Die blaue Farbe war wirklich wunderschön und ich habe davor noch nie so etwas in der Art gesehen. Da die meisten Gebäude im Puschkin-Viertel von den Nazis im 2. Weltkrieg zerstört wurde, war der Katharinenpalast zum Großteil eine Replik und alles, was jetzt braun ist, war früher vergoldet. Meine Augen waren sehr froh, dass es nur braun war, sonst wäre es ein bisschen ein Farben-overload gewesen. Drinnen wurden wir schon in der Garderobe fast von asiatischen Reisegruppen erdrückt. Wir bekamen einen Receiver, in den wir unsere Kopfhörer stecken konnten, um unseren Local Guide Lena zu hören. Anfangs war es sehr strange, eine fremde Person laut in mein Ohr atmen zu hören, aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Der Katharinenpalast war innen auch wahnsinnig beeindruckend. Man muss sich am Eingang sexy, braune Überzüge über die Schuhe anziehen, was ich eigentlich eine gute Idee finde, um die Räume sauber zu halten, andererseits bin ich nicht sicher, ob die Überzüge gewaschen werden oder nicht, weil ich fast annehme, dass sie weggeschmissen werden und das ist ein enormer Anfall an Müll. Nichtsdestotrotz ist der Katharinenpalast innen auch wahnsinnig beeindruckend, und besteht basically nur aus Gold, Spiegeln und Marmor. Auch der Amber-Room (Bernstein-Raum), in dem keine Fotos gemacht werden dürfen, ausgekleidet mit Mosaik-Platten aus Bernstein, ist wunderschön. Leider ist auch der eine Replik, weil die ursprünglichen Bernsteinplatten verschollen sind (es wird gemunkelt, dass die Nazis sie irgendwo versteckt oder vergraben haben). Ich muss sagen, dass ich soviel Informationen bekommen habe, über so viele verschiedene wichtige Menschen, dass ich mich an das Wenigste noch erinnern kann.

Hier kann man anscheinend ein paar hundert Meter weit sehen
Hier hat der Zar (!) geschlafen,
sie haben wir die Soldaten geschlafen, und
das Bett konnte man zusammenklappen und an die Front tragen!


Am Weg von Catherines Palace zurück ins Hotel waren die Straßen zugestaut (anscheinend hat Russland generell ein Stauproblem) und Lea hat 5 Auffahrunfälle vom Puschkin-Viertel bis zum Hotel gezählt.

Zu Abend aßen wir in einem großen Restaurant im Hotel. Im Nachhinein glauben wir, dass wir für russische Verhältnisse sehr teuer essen waren. Es war echt gut, aber eine Kellnerin fuhr Martina ziemlich ungut an, als sie auf Englisch bestellte mit "Don't speak English". Daraufhin nahmen wir uns mit Englisch eher in Acht.
Ein sehr gesund aussehendes Getränk



Am Abend gab es einen River-Cruise samt Champagner. Wir verbrachten zwei Stunden auf einem Boot und wurden durch die Kanäle des Venedigs im Norden geschifft. Lidia erzählte uns, dass sie mal eine private Tour für einen Touristen hielt und ihm in einem Taxi erzählte, dass für sie St. Petersburg die wunderschönste Stadt ist. Dann fragten sie den Taxifahrer nach seiner Meinung und er sagte, für ihn sei St. Petersburg nur die zweitschönste Stadt, woraufhin Lidia ihn fragte, welche Stadt er denn am schönsten fand und er antwortete: "St. Petersburg by night". Und ich muss sagen, er hat recht, dass St. Petersburg bei Nacht eine ganz andere Atmosphäre hat. Alle Gebäude entlang der Kanäle sind wunderschön und in allen Farben beleuchtet. (Fun Fact: Am Weg zurück zum Hotel gab es immer noch Stau. Es war 23:30)
St. Isaacs Cathedral aus der Ferne
Die Hermitage

3. Tag - Sonntag

Wir fuhren nicht pünktlich um 10 Uhr los zum Hermitage Museum, weil as usual, ein paar Leute zu spät waren. Obwohl noch nicht Hauptsaison war, war das Hermitage Museum bumvoll mit Touristen (vor allem asiatischen Reisegruppen) und ich muss sagen, mir hat es schon vor der Sicherheitskontrolle gereicht, als mich die Reisegruppe von hinten langsam umschloss und unsere Gruppe regelrecht infiltrierte. Es macht natürlich einen Riesenunterschied, wenn ich meine Tasche 5 Sekunden früher durch den Scanner jagen kann, weil ich ja danach eh nicht auf meine Reisegruppe warten muss. Pff. Anscheinend besuchen täglich um die 50.000 Menschen die Hermitage. Anyways, wir haben es geschafft. Unser Guide Lena sagte nur: "Remember your chicken wings, guys!". Mir ist wirklich nicht klar, wie sie sich als Tour Guide regelmäßig durch diese Menschenmassen schlagen kann. Ich würde allen meinen Glauben an die Menschheit verlieren. Den habe ich ja schon nach der Immigration und den 3 Stunden im Hermitage Museum mit Mühe wiedergefunden (und dann bei der Immigration in Tallinn endgültig verloren). Lena war auch superlieb, als sie nach 2 Stunden meinte "Guys, when I turn around, I want to see the beautiful faces of my group and not of some Asian people". Das Hermitage Museum war auch echt beeindruckend, obwohl ich sagen muss, dass ich von der Einrichtung der Zimmer mehr beeindruckt war, als von der Gemälde-Ausstellung. Es gab sogar eine ägyptische Ausstellung und wir haben eine echte Mumie gesehen!! In St. Petersburg!! Danach hatten wir eine Stunde frei und wir konnten von unseren Fotoskills Gebrauch machen, als wir gebeten wurden, von anderen Touristen Fotos zu machen.
die kurze Schlange für den Eintritt für Gruppen mit Tickets
Dieses Muster ist das gleiche wie am Boden
Das gleiche Muster wie an der Decke
Ein bisschen Wien in St. Petersburg



Eh wenig los!
Am Nachmittag wurden wir wie eine richtige asiatische Reisegruppe im Bus durch die Innenstadt St. Petersburgs gekarrt, um die City Tour nachzuholen, die wir eigentlich Samstag Vormittag hätten haben sollen. Da konnten wir nur leider nicht, weil wir lieber 5 Stunden anstanden. (Nur zur Info, unser Bus musste nicht nur wegen uns so lange warten, etwa 5 Minuten vor uns kam auch noch jemand von unserem Bus raus). Und wir scherzten noch, dass wir auf die Italiener würden warten müssen. Ha. Karma is a bitch. Die Bustour war auch echt interessant und mir wurde (mal wieder) bewusst, dass ich keine Sonnencreme dabei hatte. (Sarina meinte übrigens gestern, dass ich ausschaue, als würde ich grad aus dem Urlaub kommen - ich bin anscheinend braun!).
Die Sage besagt, dass man diese
Figur berühren muss, um reich zu werden
(ich bin noch nicht reich)
Diese Sphinxen wurden aus Alexandria (!!) nach St. Petersburg geschafft
Durch diese Tore wurden viele
Gefangene geschleppt, auch Gates of Death genannt
sich sonnende Russen, Lena nannte sie "local polar bears"
Wir haben Ende April noch Schnee gefunden!

Nach der Tour blieben wir in der Innenstadt und fragten Lena nach guten russischen Restaurants. Wir machten uns auf die Suche und fanden es auch. Ganz ohne Google Maps mit einer echten Karte. Wir können das Restaurant Ivan & Maria nur empfehlen! Es war zwar etwas teuerer, dafür aber echt gut. Danach gingen ein ganzes Geschäft weiter zur russland-eigenen FastFood-Kette "Teremok" (geschrieben Tepemok). Wir entschieden uns für süße Pancakes und standen etwa 30 Minuten in der Schlange, weil wir 2 Mal Schlange wechselten und überholt wurden, weil die Kassierer auf Russisch herumschrien und wir verängstigt nicht wussten, was wir tun sollten. Wir bekamen aber unsere Pancakes und genossen sie!
Dann machten wir uns auf zur Metro Station, um zu unserem Hotel zu fahren. In der U-Bahn Station hatten wir noch keine Tickets gekauft, aber standen schon vor großen Sicherheits-Detektoren hinter denen 2 Security-Typen warteten. Ich glaube, wir vier standen ein paar Minuten mit großen verängstigten Augen davor, suchten nach einem Ticket Automaten und trauten uns nicht durch. Irgendwann sahen wir das (durchaus erkennbare) Schild mit "Tickets" hinter den Detektoren und gingen vorsichtig hindurch. Wie ihr euch denken könnts, haben die Security-Typen uns natürlich nicht aufgehalten. Sie zeigten sogar zu dem Automat. Hier kauften wir für 45 Rubel (etwa 62 Cent) ein Ticket pro Person. Richtig cool ist, dass man für Einzelfahrten Münzen bekommt, die man dann bei den Schranken einwerfen muss (im Bus werden sie eingesammelt). Lena meinte am ersten Tag: Wir sind hier nicht wie in Europa, dass jeder immer ein Ticket und deswegen wird hier immer kontrolliert. Well, anscheinend wissen sie nicht, wie knallhart wir in Europa eigentlich sind. Ich war ziemlich begeistert von den Münzen, und muss gestehen, dass ich einige Fotos von ihnen machte. Sehr touristisch, ich weiß, dafür könnt ihr jetzt die coolen Münzen bewundert! Martina sah irgendwann nur, wie der Security-Typ uns zuschaute und sich nicht mehr halten konnte vor Lachen. Als wir dann auch noch Probleme hatten, die Münze in den Schranken zu werfen, war es bei ihm vorbei und er schaffte es gerade noch uns darauf hinweisen, wo wir sie reinstecken mussten.
was man nicht alles so in Buchläden findet
unsere hart verdienten Fahrkarten
ein Beweis, dass wir wirklich
mit der Metro gefahren sind

Wir schafften es unbeschadet nach Hause und machten am Weg noch einen Stopp beim Spar (JA, Russland hat Spar!), um uns mit richtigem russischen Vodka einzudecken. Am Abend probierten wir dann die Kombination Vodka mit Gurke, und es ist echt weiterzuempfehlen!


4. Tag - Montag

Wir genossen das Frühstück und versuchten soviel zu essen, dass wir zu Mittag hoffentlich nicht hungrig sein würden. Dann gings auf zur Cathedrals of St. Petersburg Tour (wieder im asiatischen Reisegruppen-Stil). Zuerst besuchten wir die Auferstehungskirche (Church of Spilled Blood), die an dem Ort errichtet wurde, wo Alexander der II. einem Attentat zum Opfer fiel. Das Hemd mit seinem Blut kann immer noch in der Kirche bewundert werden. Fotos sind in der Kirche erlaubt, weil hier keine Gottesdienste mehr gehalten werden. Anscheinend sind die Orthodoxen sehr streng, wenn es zu den aktiven Gotteshäusern kommt. Leider war die größte Kuppel gerade von einem Baugerüst abgedeckt, aber das bleibt anscheinend noch an Ort und Stelle bis 2021. Durch die Baugerüste um den Stephansdom bin ich aber sowas eh gewohnt.
Dann ging es weiter zur blauen St. Nicolas-Naval-Cathedral, in der wir leider keine Fotos machen konnten, weil es eine aktive Kirche ist. Interessant ist, dass die Decke sehr niedrig ist, weil die Kirche zwei Stöcke hat (und in beiden werden Gottesdienste gehalten, im oberen aber nur für gewählte Gäste).

Die dritte und letzte Kirche war die St. Isaacs Cathedral. Von außen ist sie auch wahnsinnig beeindruckend, und hier kann ich euch leider nur ein Bild aus dem Internet zur Verfügung stellen, weil wir so einen Stress hatten (aufgrund der zu spät kommenden Leute), dass wir außen keine guten Fotos machen konnten. Die Kirche ist innen auch ein Museum, und auch sehr beeindruckend. Ich wollte für Lea eine Münze bei einem Automaten drucken, aber mein 100 Rubel Schein wurde gefressen. Lea bekam ihre Münze vom zweiten Automaten, aber der 1. Automat war daraufhin nicht mehr zu gebrauchen. Upsi.
Bildergebnis für st isaac's cathedral
Quelle: Wikipedia
Mein Blickwinkel
Das Buntglasfenster ist etwas Einzigartiges,
da orthodoxe Kirchen das normalerweise nicht haben



Am Hafen mussten wir - ihr könnt es euch denken - wieder in einer Schlange stehen. Zuerst durch die Sicherheitskontrolle und dann innen für die Immigration. Lotti und Martina kannten sich schon aus, weil sie ja schon einige Stunden am Samstag hier verbringen durften, für Lea und mich war es komplett neues Terrain. Wir waren mittlerweile Schlangen-Master und hatten einen guten Ausgangspunkt, da wir als erster von unserem Bus in der Schlange standen. Wir sahen später, dass der Rest unseres Bussen von Vordrängelern geschluckt wurde. Ich musste zwei Typen das Ende der Schlange zeigen, die sich kurz vor der Kontrolle (etwa 5 Meter davor) neben uns stellten. Sie hatten sogar den Mut auf mein "Guys, the end of the line is back there" mit einem "yes" und einem Lächeln zu antworten. Als ich nur mit einem Starren antwortete, verzogen sie sich. Ich muss sagen, ich habe allen Skrupel verloren. Wir kamen diesmal sogar schnell durch die Ausreise und waren in nullkommanichts auf der Fähre. Wir schauten nur mehr kurz im Duty Free vorbei (wo, nur zur Info, das Bier ausverkauft war), und das wars dann auch schon mit unseren Adventures auf der Fähre.

5. Tag - Dienstag

Wie ihr euch denken könnt, standen wir wieder in einer Menschenmasse, um überhaupt von der Fähre runterzukommen. Was man nicht alles fürs Reisen tut. Ich muss aber wirklich gestehen, dass ich nach diesen 5 Stunden Immigration alle Rücksicht für Vordrängler verloren habe und jeder der sich bei mir vordrängt, wird instant zurückgedrängt.
Als wir endlich von der Fähre runter waren und - surprise - in einer großen Menschenmasse bei den Immigration Schaltern in Tallinn anstanden, war ich richtig speedy durch. Es versuchten sich nämlich eine Reihe ältere Damen an mir vorbeizudrängen. Und ich muss sagen, nachdem ich den 2. Ellbogen in den Rippen hatte und mir der 3. Koffer über die Zehen gezogen wurde, war es bei mir vorbei und jede Person, die versuchte sich an mir vorbei zu drängeln, bekam mein Zurückgedrängel zu spüren. Auf diese Art und Weise war ich innerhalb von einer halben Stunde durch. Die German Invasion steckte noch irgendwo in der Menschenmasse, aber da sie ohnehin aufeinander warten mussten, machte ich mich schon auf den Weg zu einem Iced Coffee.
Fun Fact: Ich war anscheinend so fertig, dass ich auf der Rolltreppe nicht mehr aufpasste, und mir mein Koffer runterfiel. Auf der Rolltreppe. Er kugelte einfach die Rolltreppe runter. Ich schrie nur mehr "Be Careful" zu dem einsamen Typen, der unten stand, und ich glaube, er sah kurz sein Leben an sich vorbeiziehen, als er den Koffer auf sich zukommen sah. Der Koffer war zum Glück weder schwer und schnell noch groß. Der Typ fing ihn auf und stellte ihn mir unten hin. Ich glaube, ich habe mich noch nie so unfähig bzw. wie ein typisches, hilfloses Mädchen gefühlt, wie in diesem Moment. Normalerweise wäre mir das richtig unangenehm und ich würde sterben vor Peinlichkeit. Also alle, die mich kennen, wissen wie fertig ich gewesen sein muss, dass ich mich nur 3 Mal entschuldigte,  meinen Koffer dann von dannen zog und keinen weiteren Gedanken daran verschwendete.
Fazit: Ich halte mich die nächsten Monate von Schlangen jeglicher Art (ob menschlich oder tierisch ... ich glaube mein Sinn für Humor hat auch gelitten) fern.

Ich hoffe, ihr wurdet nicht so wie der Typ von meinem Koffer von diesem Blogpost erschlagen!

до свидания (Bis bald),
eure Verena 👋