Unsere erste Schulexperience war von der anderen Art - und nicht nur, weil wir diesmal vor der Klasse standen.
Zuallerst muss gesagt werden: Wir Volunteers helfen in den armen Schulen der Stadt aus. Alle Kinder tragen eine Schuluniform mit einer weißen Bluse/Hemd und dunkelblauem Rock/Hose. Unser Volunteer-Housing ist ca. 10 Minuten vom Stadtzentrum von Granada entfernt. Und doch gehen wir zu unserer Schule (Pablo Antonio Cuadra) eine halbe Stunde zu Fuß, weil die Schulen, die La Esperanza Granada unterstützt, am Rand der Stadt liegen, wo auch die ärmeren Familien leben.
Wir begannen an einem Nachmittag und - es war laut. Es gibt in jeder Klasse ein Whiteboard und in ein paar einen oder zwei Ventilatoren. Die Kinder sitzen auf sehr kleinen amerikanischen Schultischen eng gedrängt. In manchen Klassen hängen hinten Plakate mit "Anti-Bullying"-Schriftzug und es ist heiß. In unserer ersten Klasse waren ca. 8-10-jährige Kinder. Wir waren an dem Tag in 3 Klassen hintereinander und machten in allen drei den gleichen Stoff (machten ist übertrieben, wir standen daneben und beobachteten zuerst einmal, wie alles lief): Food, Fruits, Vegetables und Questions/Answers. Von Disziplin kann man in diesem Zusammenhang überhaupt nicht sprechen, aber die Kinder waren sehr freundlich und hilfsbereit. Unfair ist vor allem, dass man Lissis Namen anscheinend leichter ausprechen kann als meinen. Es ist aber sehr rührend, wie sehr sie sich bemühen, meinen Namen richtig zu sagen. "VENA", "BALENA", "VÄRENNA" wird laut durcheinander geschrien. Aber im Endeffekt haben es noch alle hinbekommen. Obwohl ich glaube, dass ihnen "Värenna" in Erinnerung bleiben wird.
Zuerst gingen die anderen Volunteers Vokabeln wie apple, pineapple, rice, eggs, ... durch und bildeten danach zwei Gruppen, die gegeneinander an der Tafel Wörter vom Spanischen ins Englische oder umgekehrt übersetzen mussten. Und der Enthusiasmus war enorm! (Obwohl die Belohnung nur ein Sticker war, ich meine, wer bemüht sich um einen Sticker?) Lustig wars, als Alex Sticker an eine Gewinnergruppe verteilte und die Kinder ihren Sticker schon auf ihrem T-Shirt kleben hatten, aber fest behaupteten, noch keinen bekommen zu haben. Alex lächelte nur gutmütig und erklärte uns: "They are all such liars." Also anscheinend kann man sie mit Spielen wirklich motivieren. Wir haben nämlich von einem anderen Volunteer gehört, dass viele von den älteren Kids überhaupt kein Englisch lernen wollen. Sie wissen nicht, was es ihnen bringen könnte, und wollen stattdessen einen seltenen nordnicaraguanischen Akzent lernen.
Erschreckend war die letzte Klasse in der wir waren, die Schüler waren schon so 13-15 Jahre alt. Jede Klasse hat Gitter an den Fenstern, daran sind wir hier schon gewöhnt. Aber am Anfang waren wirklich wenige Kinder in der Klasse und ich freute mich schon und dachte, "Hey, vielleicht ist diese Klasse leiser?" Bis plötzlich alle aufsprangen und zu den Fenstern und zur Tür liefen. Daraufhin ging der Professor (in etwa der Klassenvorstand der Klasse) zur Gittertür, hängte ein Schloss vor und schloss ab. Ich hatte noch gar nicht wirklich realisiert, was das bedeutete, als er auch schon mit ein paar anderen Kids im Schlepptau wiederkam, aufsperrte, sie reinscheuchte und hinter sich wieder zusperrte. Alex erklärte uns, dass sie sich draußen geprügelt hätten, und dass die anderen zuschauen wollten. Das mussten wir erstmal schlucken, aber wie gesagt, in dem Moment, als wir begannen das Spiel zu spielen, war der Teamgeist erwacht. Zwischendurch kamen Freunde der Kinder und reichten ihnen Plastikbeutel mit Wasser durch die Stäbe, aus denen sie trinken konnten. (Fun Fact: Nicaragüense schwitzen NICHT. Kein Tröpfchen auf ihrer Haut, während wir Volunteers fast ertrinken!)
Es war echt ein bisschen schockierend, dass die Kinder nicht einmal Wasser hatten, sondern ihre Freunde es ihnen bringen mussten. Vor allem in diesen Einwegplastikbeuteln verpacken wir normalerweise Restessen. Hier wird Wasser abgefüllt, oben zugeknotet und eine Ecke leicht aufgeschlitzt, sodass man daraus trinken kann. (Wie ihr euch denken könnt landen die Beutel auch in Mengen in den Straßenrinnen, manchmal sogar mit Strohhalm.) In einem Randsatz will ich noch erwähnen, dass die Legende real ist. Drei Mädchen (12 -13 Jahre alt) saßen hinten in der Ecke und schminkten sich die GANZE Zeit. Eine hatte mindestens 8 Lagen knallroten Lippenstift drauf. Sie saßen alle mit gespitzten Lippen vor ihren Schminkspiegel und trugen Lidschatten und was auch immer auf. Und 10 Minuten vor Schluss: Selfies. Kein Scherz. Aus jedem Winkel und mit jeder Helligkeit. Leider himmelten die anderen Mädchen sie dafür an und standen während dem Unterricht um sie herum. Lissi und ich haben vor eine Rede auf Spanisch zu schreiben, und sie vielleicht irgendwann abzulassen (oder so).
Auf der anderen Seite, finde ich es wirklich toll, wie die Kinder es einfach akzeptieren, dass zwei neue Mädchen da sind, die ihnen plötzlich etwas beibringen sollen. Ihnen helfen sollen, etwas Brauchbares, Wichtiges und vor allem Richtiges zu lernen! Sie lernten unsere Namen und schon wurden wir bei Fragen gerufen. Ein kleiner Junge kam zu mir und zeigte mir einen Zaubertrick (kurz: Er hatte auf dem Mittelfinger einen Ring und zeigte mir Ring- und Mittelfinger. Er zählte "un, dos y tres" und wechselte die Finger, sodass ich jetzt den Zeige- und den Mittelfinger sah, was natürlich so aussah, als ob der Ring den Finger gewechselt hätte.). Ich kannte den Trick von meinem Opa und zeigte ihm in Zeichensprache, dass ich verstand wie er ging. Er gab mir ein High Five und wollte gehen. Nur dass alle seine Freunde um uns herumstanden und den Trick noch nicht verstanden, weswegen er ihn dann allen seinen Freunden erklären musste. Daraufhin tat es mir extrem leid, dass er wegen mir aufgeflogen war, aber es schien ihm nichts auszumachen und er begrüßte mich auch in der nächsten Pause mit High Five und fragte nach meiner Sonnenbrille. Wobei er seinen Satz zu einem Wort verkürzte (das macht jedes Kind, weil sie so schnell reden und einfach jeder Vokal und Konsonant verschwimmt - nicht identifizierbar!) und ich nur "No sé, lo siento..." sagte, und traurig schaute. Daraufhin kam ein anderer Junge und zog mich an der Hand in meine nächste Klasse (Entweder er wollte mich von meinem Elend befreien, oder er half mir einfach in meine nächste Klasse zu finden. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an dich, unbekannter Junge!)
Wir bekamen von unserer Ayudante ein Heft zu lesen, in das jeder English-Teaching Volunteer bei seiner Abreise hineinschrieb. Jeder einzelne betonte, was für eine tolle Erfahrung es war, auch wenn es am Anfang schlimm schien. Am Abend verabschiedeten wir einen Deutschen, der seit 12 Monaten hier arbeitete und man merkte ihm an, wie traurig er war, gehen zu müssen.
Selbst Alex sagte über diesen Schultag, dass er "horrible" war. Doch der nächste Tag sollte besser werden. :) ¡Adiós!
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